Keine Gemeinsamkeiten mit eigener Mutter - schlechtes Gewissen

Hallo an alle!

Die Überschrift sagt alles aus: Ich finde, dass ich und meine Mutter viel zu unterschiedlich sind, um eine Unterhaltung zu führen.

Meine Mutter ist eine sehr liebevolle Frau. Hat sich für die Familie quasi aufgeopfert. Hat studiert, im Studium 2 Kinder bekommen und ist jetzt seit 30 Jahren daheim. Ein weiteres Kind kam auch noch. Wir kommen aus Osteuropa und dort ist die Familienkonstellation Mann arbeitet, Frau mit den Kindern daheim, total normal. Mein Vater war zwar auch da, aber er war nur beim arbeiten und hat sich quasi nicht um die Erziehung gekümmert. Meine Mutter hat zwar auch angefangen zu arbeiten wollte jedoch nicht, dass wir zu "Schlüsselkindern" werden und ist dann endgültig daheim geblieben. Hier und da mal ein Job, aber nichts großes. Meine Kindheit war sehr schön, sehr behütet.

Wir Kinder sind nun alle erwachsen und ich merke, wie unglücklich meine Mutter ist. Sie ist ständig krank - ist alle 2 Wochen bei Ärzten und beschwert sich, dass sie nichts bei ihr finden. So langsam habe ich das Gefühl, dass es bei ihr rein psychosomatisch ist. In letzter Zeit hat sie angefangen mir vorzuwerfen, dass unsere Generation reine Egoisten sind, weil wir nur an uns denken: Kinder sind bei uns nicht an erster stelle, wir wollen Freizeit und Urlaube haben, Arbeiten nach der Elternzeit - geht gar nicht! Das arme Kind kann doch nicht in den Kindergarten. Damals war alles besser...
Wenn ich mich über etwas anderes als Kinder und Familie unterhalten möchte, dann kommt sofort die schreckliche politische Lage hoch. Sie hätten ja fast nichts zum essen, alles kostet so viel. Und dann kommt die Aussage wie schlecht die Ärzte in Deutschland sind.

Ausländerkinder werden mich jetzt verstehen: Ich war mein Leben lang Übersetzerin, Anwältin, Sekretärin für meine Eltern. Sie sprechen zwar Deutsch, jedoch haben sie Angst Briefe oder die Person am anderen Ende der Telefonleitung nicht zu verstehen. Deswegen muss ich das alles erledigen. Ich bin es gewohnt und finde, dass genau das mich so selbständig und eigenverantwortlich gemacht hat. Abhängig sein von einem Mann finde ich ganz schrecklich.

In letzter Zeit fühle ich mich jedoch immer eingeengt von meiner Mutter. Jedes mal wenn sie mich besucht verbreitet sie so eine negative Stimmung, dass ich danach mindestens 2 Tage schlechte Laune habe. Sie redet nur auf mich ein wie schrecklich alles ist und sobald ich ein Thema anspreche (Restaurantbesuch, Kino, Urlaub) verurteilt sie mich wegen meiner Sorglosigkeit. "Ihr habt ja sonst keine Probleme" kommt meistens von ihr.

Den Kontakt abbrechen will ich nicht. Nur weil jemand negativ eingestellt ist, muss man ja nicht sofort den Kontakt abbrechen.

Wie geht ihr mit so etwas um? Wie findet ihr gemeinsame Themen außer dem Wetter oder Angebote im Aldi? Sagt ihr direkt, dass ihr nicht nur Negatives hören wollt oder haltet ihr das einfach aus?

LG

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Das Problem, wenn man das einfach aushält, ist, dass die Augenhöhe irgendwie auch flöten geht. Man sagt ja nicht mehr, was man denkt, sondern nur noch, was die Person hören mag bzw. wo es die wenigstens Konflikte gibt.
Ob das zu vermeiden ist, puh… ich würde es noch einmal versuchen, deiner Mutter deine Überlegungen zu schildern: dass sie unzufrieden und traurig wirkt, dass du dir Sorgen machst, dass ihre gesundheitlichen Probleme von einer traurigen Seele herrühren, dass du dir für sie wünscht, dass sie mehr Positives in ihrem Leben hat und besser für sich sorgt, dass es dich traurig macht, wenn sie immer nur von traurigen Dingen redet und nichts anderes besprochen wird als Sorgen und Probleme… dass du sie lieb hast und ihr bestes willst, dass du dir aber auch wünscht, dass sie deine Art zu leben respektierst?

Entweder es wird ein konstruktives Gespräch oder eben nicht.
Ich habe mich irgendwann von dem Gedanken verabschiedet, mit meiner Mutter Gespräche zu führen, von denen wir beide etwas haben. Mit zunehmenden Alter wurde ihr Horizont immer enger. Vielleicht ist das auch der Gang der Dinge.

Wenn ich sie besuche, sehe ich zu, dass wir ins Handeln kommen: ich gehe mit ihr Spazieren, ich kraule ihr den Kopf oder mach ihr die Füße schick. Das kann sie nicht mehr gut, wir gucken alte Fotos an und sie erzählt dazu, wir gucken gemeinsam Fernsehen. Meine Mom ist nun wirklich eine alte Lady und unser Verhältnis hat sich umgekehrt. Ich bin jetzt die, die sich kümmert.
Es war sicherlich für unsere Mütter auch oft schwer und intellektuell wenig stimulierend, uns großzuziehen. Geben wir doch einfach ein bisschen was zurück, wenn das Verhältnis gut war, und lassen uns auf die alten Leutchen ein.

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Hallo Wachtelei,

dass hast du sehr schön geschrieben bzw.und sehr treffend❤️
Genau so läuft die Beziehung zwischen mir und meiner 80jahrigen Mutter (seit 1 Jahr Witwe) jetzt auch ab. Ich versuche ihr jetzt etwas zurück zugeben...es hat lange gedauert (bis ich es verstanden habe...)aber jetzt kann ich es auch so wie du sehen.
Die Beziehung dreht sich komplett....sie braucht mich mehr als ich von ihr erhalte...

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Hallo KittyGirl,
wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind und der Job als Mutter, den deine eigene Mutter vor alles andere gestellt hat weg fällt ist das schon auch schweirig für sie. Das war bei meiner Mutter ähnlich. Die anderen Prioritäten der erwachsenen Kinder, anderer Lebensstil usw. werden dann oft unterschweillig als Vorwurf interpretiert nach dem Motto "ihr denkt ja, ich hab ja eh alles falsch gemacht".
Vielleicht kannst du deiner Mutter ab und zu sagen, was du hier schreibst: Du hattest eine schöne, behütete Kindheit. Du emfindest sie als liebevollen Menschen. Du lebst dein Leben anders, aber bist trotzdem dankbar für alles, was sie dir und deinen Geschwistern mitgegeben hat.
Vielleicht magst du sie fragen nach alten Familienfotos, Geschichten oder auch traditionellen Sachen, Rezepte, Lieder, wahtever?
Hat deine Mutter Hobbies oder Interessen, die man aufgreifen kann? In Kindergärten und Schulen ist ja aktuell jede ehrenamtliche Hilfe gerade von Muttersprachlern willkommen, die den zugewanderten Kindern den Einstieg erleichtert.
Das alles nur so nebenbei.
Ich denke schon, dass du aussprechen darfst, wenn dir im Gespräch die Schimpferei zu viel wird. Ansonsten hilft dir vielleicht nach so einem Besuch einfach frische Luft oder eine Dusche (den Mist nicht tagelang rumschleppen, sondern wegspülen) oder ein "gönn ich mir jetzt" (bei mir macht ein kleiner Espresso mit Vanillieeis das Leben einfach nur schön).
Alles gute euch!

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Liebe Grüße an deine Mutter. Wir sind eine egoistische Generation? Heute kann es sich kein Ottonormalverbraucher leisten von einem Gehalt zu leben.
Diese Zeiten sind längst vorbei.
Oder kann sie eine Familie erhalten?
Ich wäre da schon sehr direkt, wenn sie dir dein Leben madig machen will.
Man muss nicht alles schlucken.

Selbst wenn du aus finanzieller Sicht zu Hause bleiben könntest, kann es schnell mit Friede Freude Eierkuchen vorbei sein.
Denkt deine Mutter da nicht weiter?
Will sie dich nicht durch dich selbst abgesichert sehen?

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Klar , sagst du so leicht, weil es nicht dein Problem ist . Ich persönlich finde das etwas aggressiv. Warum soll die TE , ihrer Mutter , von der sie eine schöne Kindheit bekam und die offensichtlich leichte , depressive Züge entwickelt hat, so harsch entgegenkommen ? Eigentlich würde dieses Verhalten sehr schön unterstreichen, was ihre Muter sagte , bezüglich selbstsüchtiger Generation.
😬🙂
Ich persönlich habe ein schönes und ausgeglichenes Leben und die TE sowieso , dann kann man auch , ab und zu , das Gesabbel , der Eltern ertragen, wenn auch nicht mehr auf Augenhöhe , schließlich haben wir selber noch einige Chancen , unsere Eltern nicht , total alt zu sein ist nunmal für manche Menschen deprimierend, gönne ihnen doch das Gemecker , Gezancke , die Verweigerungen und das letzte Aufbäumen, vor der Kiste .

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Nur weil man eine schöne Kindheit hatte muss man nach jedem Treffen mit der Mutter zwei Tage leiden?
Ich würde mir das auch nicht gerne jedes Mal aufs Neue anhören müssen. Oder wärst du erfreut darüber, wenn man dir dein Leben immer wieder madig reden würde?
Die TE belastet es.

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Erstelle doch mal eine Liste mit Dingen, die du WIRKLICH von ihr wissen möchtest!
Fragen nach IHRER Kindheit, danach, wie früher Geburtstag oder Weihnachten zu Hause gefeiert wurde, was ihre schönste Kindheitserinnerung ist, was sie am liebsten mit ihrer Mutter gemacht hat, was noch auf ihrer Bucket List steht - was sie immer schon mal machen wollte, aber immer verschoben hat - was ihre lustigste Kindheitserinnerung mit Freunden ist, wie sie die erste Zeit als Mutter erlebt hat und ob sie dadurch ihre eigene Mutter anders gesehen hat.

Kannst du sie bei diesen Treffen einladen? Gemeinsam einkaufen, einen Kaffee trinken, etwas essen? Dann würdest du ihr auch finanziell etwas abnehmen, falls du dir das leisten kannst.

Ihr könntet auch vereinbaren: Du erzählst von deinem Leben, ich höre zu, nehme das auf und dann erzähle ich von meinem Leben, du hörst zu, nimmst das auf und keiner urteilt über den anderen.

Vielleicht müsst ihr auch gar nicht reden, sondern backt zusammen oder macht sonst etwas, bei dem ihr zusammen seid und etwas "erlebt", vielleicht auch etwas Nützliches macht, aber euch nicht zwingend austauschen müsst.

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Ja, ist so. Du kannst mit ihrem Lebensstil nichts anfangen und sie mit deinem nicht.

Jetzt kannst du dich entscheiden, ob du das beste draus machst (vielleicht eher Aktivitäten, sie teilhaben lassen, ihr mal zuhören, wenn möglich, sich für ihre Sicht der Dinge interessieren, auch, wenn du sie nicht teilst, ins Kino gehen, eine Hafenrundfahrt machen, Gesellschaftsspiele...). Oder ob es dich so tief stört, dass du den Kontakt reduzieren willst.

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Ich kann mir auch vorstellen, es fehlt ihr ihr positiver Lebensinhalt. Ich würde es auch versuchen zu kanalisieren.
Kann sie etwas ganz toll? Ein grösseres Strickprojekt, um das du sie bitten könntest? Dich zu einem VHS-Kurs begleiten?
Habt ihr Kinder, die häufiger zu Oma könnten? Gerade weil das ja ihre Stärke war?
Gemeinsam in den Garten? Bewegung an der frischen Luft wirkt Wunder für Gesundheit und Wohlergehen.

Bei meinem Vater hab ich mir vor dem Kontakt überlegt, welche Stichworte und Fragen ich ihm zuspiele, damit er was spannendes von früher erzählen kann auf das ich grad echt Lust habe. Dann hab ich mich zurückgelehnt und seine Erinnerungen genossen.
Unsere Gespräche waren so sehr viel angenehmer und jetzt wo er nicht mehr da ist kann ich mich an seine Geschichten erinnern und ihm nah fühlen.

Es kommt einfach der Moment, in dem man beginnen muss, die Kontakte sanft zu steuern, so wie man das auch mit Kindern manchmal macht.

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Was ich jetzt sage klingt vielleicht hart in deinen Ohren und in den Ohren vieler hier. Du musst sehen, ob es auf euch passt.

Ich kenn das was du schreibst sehr gut. Aber bei mir läuft auf mehreren Ebenen etwas ab. Da gibt es das was sichtbar ist. Die Mutter war zu Hause, sie war da, sie hat sich aufgeopfert, hat zurückgesteckt....Und dann gibt es noch das was zwischen den Zeilen stand. Die Mutter war gestresst, genervt, ich habe mich schuldig dafür gefühlt, sie war ja wegen mir daheim, ich war falsch, wenn ich nciht dankbar für das war was sie gegeben hat, aber ich wollte das ja gar nciht was sie gibt.

Meine Mutter hat ein großes Thema mit sich selbst. sie ist unzufrieden, sie verurteilt sich selbst, sie fühlt sich eigentlich nciht geliebt und nicht gut genug. Das ist ein Thema aus ihrere Kindheit, das nciht aufgearbeitet ist und in der Gegenwart daher immer präsent war. Ich habe ihre "Schuldgefühle" und ihre Gefühle von "ich bin nciht gut genug" übernommen. Das sie sie nicht haben muss und stabil ist...Kinder brauchen stabile Eltern. Wenn ich also schuld war, dass etwas nciht funktioniert, dann war meinen Mutter nicht schuld. Das hat sie entlastet und sie war nicht so traurig, hat sich nciht selbst abgelehnt und war stabiler.

Dann wurde ich erwachsen...es war eine komische Dynamik zwischen uns. Sie jammerte nur über ihre Arbeit, über dies und das, und alles ist furchbar und schwer...wenn man sie kritisiert, dann verfällt sie in selbstmitleid "ja ich weiß ich bin an allem Schuld und habe alles falsch gemacht". Bis vor einigen Jahren sprang unbewusst mein altes Schema an "nein mama, schau mal ich bin dankbar für dies und dankbar für das, und du hatttest es dcoh auch so schwer" und und und.

Das hat nichts geändert, weil es ihr Problem nciht löst, das muss sie selbst lösen...das geht nciht durch Lob von außen. Und es hat unser Muster weiterlaufen lassen. Und es hat weiter dazu geführt, das ich und meine Bedürfnisse und Rechte und Emotionen und meine kindheitsverletzungen oder was auch immer keinen Platz hatten, weggeredet wurden, sich keiner dieser angenommen hat. Sich dieser anzunehmen ist nicht mehr ihr Job. Ich bin erwachsen. Sie hat es in der Kindheit nciht getan, als es ihr Job war, das ist traurig...aber heute bin ich dafür verantwortlich. Aber durch dieses Muster, habe auch ich keine Verantwortung für mich übernommen, sondern es ging nur darum ihre Stimmung zu halten. Sie vor ihren Schuldgefühlen usw. zu bewahren.

Das ist falsch.

Daher....du bist nicht verantwortlich für die GEfühle diener Mutter. Du bist nicht verantwortlich dafür ihr immer wieder zu sagen, was sie alles toll gemacht hat und dadurch dich zu verleugnen. Du darfst dich im kontakt mit ihr um dich kümmern. Bzw. das solltest du. Das bist dur dir selbst schuldig. klar kann man immer mal was runterschlucken, man kann positive Dinge sagen...aber, falls bei euch auch so ein Muster am laufen ist....versuche auszusteigen.

Es bringt weder dir noch deienr Mutter was, wenn du ihr weiterhin abnimmst, sich mit ihrem Zeug auseinanderzusetzen.

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Meine Situation ist ähnlich, Mama seit ca. 25 Jahren nicht mehr arbeiten, nur Minijobs aber seit 10 Jahren gar nichts mehr. Sie ist psychisch sehr angeschlagen und sie findet es alleine anstrengend, einen Termin am Tag wahrzunehmen und bekommt auch daheim nichts auf die Kette. Ich bin aber gestanden und soweit fit, ich würde behaupten, einfach "normal".
Sie ist jeden Tag am jammern und mich nervt es. Ihr würde es so schlecht gehen. Die "bösen Ausländer" kriegen ja alles, sie kriegt nichts. Sie ist "ihr Leben lang arbeiten gegangen" und so weiter. Es nervt mich wirklich, mir kommts vor, als hätte sie keine Ahnung wie es in der echten Welt abläuft, da sie auch durch Unterhalt nie wieder arbeiten gehen muss.
Ich hör mir das meistens einfach an, dafür ist Familie da. Wird es mir zuviel, sag ich es ihr oder manchmal melde ich mich dann weniger. Manchmal reg ich mich sehr dolle bei meinem Mann über sie auf, und dann geht's auch wieder. Sie ist halt trotzdem meine Mama. Schwierig. So oder so, viel Kraft für dich 🩷